Nicht nur wir Menschen, sondern auch Hunde lernen ihr Leben lang.
Was ist Lernen?
sich an verändernde Umweltbedingungen anpassen
Verarbeitung der Umweltreize
Verhalten anzupassen oder zu ändern
festigen von gelerntem und es so zur bleibenden Erinnerung machen
mit fakultativem Lernen bezeichnet man Lernvorgänge die nicht lebensnotwendig sind (spielen,
neugieriges Verhalten...)
obligatorisches Lernen dagegen ist ein lebensnotwendiger Lernvorgang (hierunter fällt z.B.
die Nahrungsaufnahme....)
operantes Lernen ist Lernen duch Versuch und Irrtum
Grundvoraussetzung damit ein Hund lernen kann:
er muss gesund sein
die Lerneinheit sollte in kleinen freudigen Schritten gestaltet werden
das Umfeld sollte anfangs Ablenkungsarm gestaltet sein
die Übung so gestalten dass der Hund zum Erfolg kommt
die Umgebung in der gelernt wird sollte variiert werden
auch alte Übungen müssen immer wiederholt werden
Geduld, Konsequenz und Einfühlungsvermögen
und ganz wichtig, das Loben
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Prägung
Lernen ist das ganze Leben lang möglich, während die Prägung eine begrenzte
zeitliche Phase ist in der einmal gelerntes nicht/kaum mehr zu verändern ist. Sie beginnt mit
der 3. Lebenswoche und endet in der 12. Lebenswoche. Man nennt dies auch Sozialisierung, eine
Zeit in der der Hund besonders schnell und effektiv lernt.
Ein Welpe der schon beim Züchter gut geprägt wurde, die alltäglichen Dinge des Lebens
kennen gelernt hat (Autos, fremde Menschen, Kinder, andere Tiere, Radfahrer, sich bewegende
Gegenstände, etc...) wird mit einem ausgeglichenen Wesen an den zukünftigen Hundehalter
gegeben. Dieser muss nun einen guten Ausgleich zwischen Ruhe und
Lernen (Beschäftigung) finden. Eine Reizüberflutung wird den Welpen nervös und ängstlich
werden lassen. Einen hohen Stellenwert nimmt in dieser ersten Zeit die Prägung auf den
Menschen ein. Gerade jetzt ist es spielend leicht den Grundstein für eine enge Bindung
zu legen.
Diese Zeit hat Jamie verpasst. Sie wurde isoliert gehalten, kannte keine anderen
Menschen oder Hunde und auch keine Umwelt. Dazu wurde sie noch mißhandelt und konnte
dies bedingt durch ihre Blindheit auch später nicht mehr sehen. Im Prinzip müsste sie
ein mehr als verstörter Hund sein. Das war sie auch bevor sie zu uns kam. Im Tierheim
hat sie zwar schon einiges kennen gelernt, aber kein Leben in einer Familie und sich
ständig verändernden Umweltbedigungen. Jamie ist für mich das Beispiel dafür wie man eine
nicht vorhandene Prägung teilweise umwandeln "kann". Dabei kommt es aber auch
auf das Wesen des Hundes an. Jamie ist eine Kämpferin mit unbändigem Willen und
es liegt in ihrer Natur zu vertrauten Menschen/Hunden eine enge Bindung einzugehen. Sie
lernt gerne und sie lernt schnell. Wir hatten das erste Jahr noch unter einigen Panikattacken
zu "leiden" aber mit viel Geduld und Konsequenz ist es möglich eine fehlerhafte Prägung
in Teilen umzuwandeln.
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Habituation und Extinktion
Habituation heißt Gewöhnung und zählt auch zu einer Form des Lernens.
Hierfür reicht ein kleines Beispiel um es zu erläutern. Lassen wir mehrmals in einigen Abständen
einen Schlüssel (oder anderes) auf die Erde fallen wird der Hund sich
anfangs vor dem Geräusch erschrecken. Durch
das mehrmalige Wiederholen wird der Hund dieses Geräusch als ungefährlich ansehen und nach und
nach nicht mehr darauf reagieren. Voraussetzung ist dass der Schlüssel an sich dem Hund keine
Angst/Stress bereitet.
Extinktion bedeutet Löschung. Als profanes Beispiel sei hier das
Bellen genannt, dass von einigen Hunden benutzt wird um etwas zu bekommen was sie unbedingt
haben möchten. Sehr oft kann man sowas bei Leuten beobachten die mit ihrem Hund Ball spielen.
Wird nicht geworfen, bellt der Hund so lange bis der Besitzer den Ball wieder wirft. Die
wenigsten merken hierbei dass sie von ihrem eigenen Hund als Ballwurfmaschine konditioniert
wurden.
Fängt der Hundebesitzer an, das Bellen zu ignorieren wird der Hund beizeiten merken dass er
damit nicht mehr zum Erfolg kommt. Ist man soweit dass der Hund kein Bellen mehr zeigt
um etwas begehrtes zu erhalten, hat man das Verhalten "gelöscht". Dies wirkt nur wenn man
nie wieder auf das Bellen des Hundes eingeht. Nur ein kleiner Fehler in der Richtung und
das "gelöschte" Verhalten wird sofort wieder gezeigt.
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Lernen durch Nachahmung
Hat für mich eine neue Bedeutung bekommen seit wir Jamie haben. Sie kann zwar nicht
sehen was meine Jungs machen, aber sie hört es und riecht es. Sie war durch ihre Blindheit
anfangs darauf angewiesen den Jungs möglichst nahe zu bleiben und zu spüren was sie tun.
Dies bezog sich besonders auf Aaron. Sie ahmte ihn nach und lernte
einiges von ihm, auch ließ sie sich von seiner Stimmung anstecken. Wurde Aaron
aufgeregt, weil er etwas besonderes sichtete, dann alarmierte dies auch Jamie und
versetzte sie ebenso in Aufregung.
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Lernen durch Verknüpfung
Wenn zwei Reize fast gleichzeitig auftreten findet eine gedankliche Verknüpfung statt. Beim
lernen neuer Übungen spielt dies eine große Rolle. Deshalb sollte man neue Lektionen immer
erst in reizarmer Umgebung (keine Hundeauslaufgebiete, nicht im Straßenverkehr, nicht in der
Nähe von fremden Menschen, etc...) üben. Der Hund verknüpft zu leicht einen neuen Befehl mit
etwas, was zeitgleich mit unserer Belohnung für korrekt ausgeführtes Verhalten bestätigt wird.
Beispiel: der Hund soll Sitz lernen und genau in dem Moment wo wir das korrekt ausgeführte
Sitz belohnen läuft ein Jogger an uns vorbei. Nun wird der Hund das Sitz mit dem Jogger
verbinden. Was Sitz jedoch wirklich bedeutet, hat er in dem Moment nicht richtig
verknüpft. Auch wenn es später erwünscht ist, dass ein Hund sich setzt, hinlegt oder
stehen bleibt wenn ein Jogger auftaucht, so muss zuerst der Befehl an sich in reizarmer
Umgebung gefestigt und verstanden werden.
Eine bewußte Assoziation mit Radfahrern habe ich bei Jamie angewandt. Das ist das Kommando
"auf Seite". Jedesmal wenn ein Radfahrer in unsere Richtung fuhr, rief ich "Jamie Hier - auf
Seite". Sie kam (wegen dem Kommando "Hier") und wurde in dem Moment belohnt wo der
Radfahrer auf unserer Höhe war (ich stellte mich dabei an die Seite damit sie lernt
was "auf Seite" bedeutet. Mit der Zeit Verstand sie, dass Radfahrer gleich zu Frauchen
laufen bedeutet und verknüpfte dies mit dem Wort "auf Seite". Nach und nach gab es dann nur
noch das Wort "auf Seite". Mittlerweile hat Jamie das Geräusch des sich nähernden Radfahrers
damit verknüpft dass sie zu mir gelaufen kommt und sich neben mich setzt. Bei solchen
Übungen (wie auch generell) sollte beachtet werden dass der Hund das gewünschte
Kommando in jedem Fall ausführt. Zum Beispiel oben, ich hätte Jamie nie mit "Hier"
gerufen wenn ich mir nicht hätte sicher sein können dass sie auch wirklich kommt.
Je öfter man nämlich ein Kommando gibt, das vom Hund nicht befolgt wird, desto
weniger Bedeutung erhält es für den Hund.
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Positive und Negative Verstärkung
zählt auch zum Lernen. Bei mir gibt es keine ausschließliche positive Bestärkung und
ignorieren von Fehlverhalten. Wenn einer der Hunde etwas "falsch" macht sage ich
ihm dies auch durch ein klares "Nein" oder "Falsch". Anschließend kann ich ihn
dann ignorieren, aber meiner Meinung nach muss man vorher kund tun dass man mit
dem gezeigten Verhalten nicht einverstanden ist. Ich belohne bei Jamie jede mini
Kleinigkeit die sie gut macht und genauso wird ihr jede Kleinigkeit die sie "falsch" macht
verdeutlicht.
Das Loben fällt dabei überschwenglich aus, das Negative nur kurz und knapp mit fester Stimme.
Die ist auf Jamie abgestimmt, da sie darauf am Besten reagiert. Sie braucht ganz
klare Ansagen mit Wörtern wann sie was gut und wann was falsch gemacht hat. Dagegen
gibt es aber auch Hunde die man nur mit positiver Verstärkung "erziehen" kann, die
ansonsten dicht machen wenn man ein klares Nein auspricht oder sie ignoriert. Gerade
bei sehr sensiblen Hunden sollte man vorsichtig sein mit negativen Sachen. Es gibt
einfach nicht DAS ultimative Hundehandling, es muss immer auf jeden Hund individuell
abgestimmt sein. Und man sollte sich auch nie scheuen andere mal um Rat zu fragen.
Hierbei habe ich mir eins zum Leitsatz gemacht, ich schaue mir immer an wie andere
mit ihren Hunden umgehen, wie freudig die Hunde sind, wie ihre Körpersprache in
Bezug auf ihren Menschen ist etc. und nur dann nehme ich auch einen Rat von anderen an.
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Sozialverhalten und Kommunikation
Eine Schwierigkeit die ein blinder Hund hier hat ist, dass er ihm entgegen kommende
andere Hunde nicht sehen kann. Wichtig ist darauf zu achten dem blinden vorher zu
signalisieren dass ihm ein Hund entgegen kommt und kurz bevor sie einander treffen
ein Stop zu sagen, oder die andere Variante "wer kommt denn da?"
Sonst kann es passieren dass Blindi in den anderen Hund reinrennt. Dies sollte vermieden werden
da es unter Hunden als unhöflich gilt und auch Anlaß eines Streites sein könnte.
Begrüßungsrituale hat Jamie von Anfang an perfekt inne gehabt. Sie nimmt wie jeder andere
Hund Kontakt mit der Nase auf, schnüffelt den anderen Hund ab und läßt sich selber
auch beschnüffeln. Genauso hatte sie auch eine pubertierende Phase in der Jamie es
besonders auf andere Hündinnen abgesehen hatte. Sie begrüßte steifbeinig, die Rute steil
nach oben und knurrte leicht. Aus solchen Situationen habe ich sie sofort heraus
genommen und weg von dem anderen Hund. In diese Zeit habe ich jede friedliche
Begrüßung mit anderen Hunden stark belohnt und so nach und nach kehrte Jamie wieder
zum "normalen" Verhalten zurück. Was nicht heißt dass sie es nicht doch noch ab und
an versucht.
Schwierigkeiten hat Jamie wenn wir in einer Gruppe von mehreren Hunden laufen. Sie kann
sich dann nur schlecht orientieren und rempelt desöfteren die anderen Hunde an. Ich laufe
zwar nur mit Hunden die wir "gut" kennen, bzw. von denen ich weiß dass sie so einen
Rempler nicht übel nehmen, aber Jamie selber beschwichtig sofort wenn sie in einen anderen
Hund reinkracht. Sie leckt sich mit der Zunge über die Nase und duckt sich leicht. Wir
laufen allerdings auch nur selten in Gruppen mit mehr als 10 Hunden.
Soziale Interaktionen tauscht Jamie speziell mit meinen Jungs aus. Sie hat die
Fellpflege hier eingeführt. Sie beknabbert Aaron und Kimba an den Halsseiten und leckt
ihnen die Ohren sauber, sowie die Augen. Diese Fellpflege hat nicht nur sozialen
Hintergrund sondern ist auch ein Zeichen von Zusammengehörigkeit. Mittlerweile wird
dieses beknabbern und lecken auch von Aaron ihr gegenüber erwidert. Dann liegen die
beiden auf dem Teppich und man hört nur noch wohliges grunzen von den zweien.
Worüber ich noch weiter nachforsche ist, warum Jamie alle Beschwichtigungssignale drauf
hat. Sie hat in ihren sehenden Zeiten nie andere Hunde getroffen, erst als sie blind war.
Sie spürt sogar wenn ein anderer Hund leise droht, also ohne Geräusche nur die Zähne
leicht zeigt. Wahrscheinlich riecht sie den mit der Drohung einhergehenden Duft oder
andere Dinge die der andere Hund sendet?
Durch das Spielen mit Aaron und Kimba hat Jamie gelernt wie weit sie gehen kann und wo genau
sie hier steht (unter den Hunden). Aus einem normalen Spielchen heraus agierte Jamie
eine zeitlang "aggressiv" und das Spiel wurde rauher. Als es Aaron zu viel wurde hat
er sie hart in ihre Grenzen verwiesen. Jamie´s Schachzug war, anzufangen zu schreien wenn
er dies tat. Aaron, davon anfangs eingeschüchtert, hatte aber schnell raus dass es nur
eine Taktik war und setzte seine Zurechweisungen fort. Ich habe hier nie eingegriffen
weil ich Aaron gut genug kenne und weiß dass er sie nie böse oder unfair angehen würde.
Heute reicht ein ernster Raunzer von ihm und Jamie gibt sofort nach. Ihren Kampf nach
ganz oben hat sie vorerst aufgegeben.
Ganz klar möchte ich mit dem Ammenmärchen aufräumen dass ein blinder Hund kein
normales Sozial- oder Spielverhalten zeigen kann. Sie können es genauso gut wie
jeder andere Hund. Man muss ihnen zwar stellenweise behilflich sein, aber den
Großteil haben sie einfach in ihrem angeborenen Verhaltensrepertoire.
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Bindung
Bei der Bindung gibt es einen einzigen Unterschied zu sehenden Hunden. Die Bindung zu einem blinden
ist viel intensiver. Das resultiert einfach daraus, dass der blinde Hund genau weiß dass er ohne
einen Menschen / Hund an seiner Seite in einigen Fällen aufgeschmissen oder hilflos ist. Sei es
meine Stimme die Jamie warnt wenn Hindernisse auf dem Weg sind, oder Aaron der sie auf Seite
schubst damit sie den Abhang nicht runterfällt. Natürlich muss man sich eine Bindung zu dem
Hund erarbeiten und dies geschieht nie von heut auf morgen. Auch unser Prozeß dauert noch an
und ist noch längst nicht ausgereift. Hunde sind zwar generell von sich aus darauf aus
eng mit dem Menschen zusammen
zu leben, aber so ganz ohne eigenes zutun geht es nicht. Ich habe viel mit Körperkontakt
gearbeitet. Meine Hände zum loben, zum streicheln und zum Richtung weisen. Enge Spiele mit
Körperkontakt und viel reden mit dem blinden Hund. Besonders der Kontakt mit den Händen
fördert eine Bindung ungemein. Der Hund muss spüren dass wir da sind und das zu jeder Zeit und
nicht nur über die Stimme. Ich habe mal einen Selbsttest gemacht und die Augen geschlossen. Das
ist schwer für längere Zeit aber man merkt ganz deutlich dass einem Stimme alleine keine
Sicherheit gibt, sondern es die Hand eines anderen ist die man an sich selber spürt. Sicherheit
bedeutet Nähe und Vertrauen. Dies zu erreichen ist nicht immer ganz leicht, aber 100% machbar.
Und es ist das schönste wenn einem der blinde Hund in unbekannten Situationen zeigt dass er einem
vertraut. Natürlich ist dies auch immer vom Hund selber abhängig, seinem Wesen, seinem Charakter und
was er bislang erlebt hat. Es gibt Hunde die sich in Angt vergraben, da hilft es wenn man zu
homöopathischer Unterstützung greift und alles langsam angehen lässt. Oftmals dauert so ein
Prozeß auch Jahre. Wir hatten das Glück dass Jamie von sich aus eine starke Natur hat und
dankbar alles annahm was ihr zeigte dass wir ihr nie etwas antun werden. Es gibt auch
Rückschläge, Tage an denen man denkt der Hund vertraut uns nicht, aber das sind nur Momente
die wir ergreifen müssen um noch intensiver an uns zu arbeiten um mit dem Hund eine enge
Bindung einzugehen. Letztendlich liegt es grundsätzlich nur an uns Menschen. Wir müssen
lernen den Hund zu lesen und herauszufinden was er mag und was in ihm verborgen steckt. Haben
wir dies erkannt entsteht eine Beziehung die auf Vertrauen basiert und das Fundament einer
guten Erziehung bildet.
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